Winterkorn vor Dauer-Prozess / Goldman Sachs kämpft
 
 
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Dienstag, 16.04.19
 
 
 
 
VON HANS-JÜRGEN JAKOBS
 
Guten Morgen
liebe Leserinnen und Leser,
 
 
 
 
 
 
+  Trauer um Notre-Dame  +  Winterkorn vor Dauer-Prozess  +  Goldman Sachs kämpft
 
 
 
 
 
 
 
   
es ist nicht Kitsch, die Schönheit von Notre-Dame zu preisen, und es ist nicht Schwulst, in Worte zu fassen, dass das Herz von Paris, das Herz von Europa, in Flammen stand. Was als Unfall bei Dacharbeiten am frühen Abend begann, wuchs sich aus zum Feuerdrama um das steinerne Gewölbe des Hauptschiffs, das Extremes aushalten musste: große Hitze, die Last des verbrannten Dachstuhls und der eingestürzten Spitze sowie Tonnen von Löschwasser. Die Struktur und die Türme konnten gerettet werden. In diesen Trauer-Momenten denken wir an die Liebeserklärung von Victor Hugo an diese einzigartige Kathedrale, die in Hugos Roman dem buckligen Glöckner die ganze Welt ist, voller Marmorfiguren von Königen, Heiligen und Bischöfen, die ihm wenigstens nicht ins Gesicht lachen, und die anderen, die Monster und Dämonen, empfanden keinen Hass für ihn.
 
 
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„Ab morgen bauen wir sie wieder auf!“, sagte Staatspräsident Emmanuel Macron kurz vor Mitternacht. Die Helden dieser Nacht sind die 400 Feuerwehrleute, die auf der Île de la Cité wirkten. Der Narr dieser Nacht ist Donald Trump, der den Einsatz von Löschflugzeugen vorschlug – die große Menge Wasser hätte zum raschen Einsturz des gesamten Gebäudes führen können. Aber Trump hat ja am Montag auch dem größten US-Flugzeugbauer Boeing unerbetene Ratschläge gegeben: „Wenn ich Boeing wäre, würde ich die Boeing 737 Max REPARIEREN, einige großartige Eigenschaften hinzufügen und dem Flugzeug mit einem neuen Namen ein NEUES MARKENIMAGE geben.“ Nach diesem Schema kann man in diesen Tagen auch US-Präsident werden.
 
 
 
 
 
Sie nannten ihn „Wiko“, er machte Volkswagen zum weltgrößten Autokonzern und beriet auch Chinas Staatsführung. Nun, dreieinhalb Jahre nach Bekanntwerden von „Dieselgate“, hat sich die Welt für Martin Winterkorn, 71, radikal geändert. Er ist dem Tiger entkommen und begegnet einem Bären. Nachdem ihn die US-Justiz per Strafbefehl verfolgt, hat nun auch die Staatsanwaltschaft Braunschweig Anklage gegen den Ex-CEO sowie gegen vier andere Manager erhoben, zum Beispiel wegen Untreue, Steuerhinterziehung und mittelbarer Falschbeurkundung. Winterkorn habe trotz „Kenntnis der rechtswidrigen Manipulationen“ weder Behörden informiert, noch „Abschalteinrichtungen“ verhindert. Die alte Erzählung, ein paar Ingenieure hätten die Chefs ganz oben übel getäuscht, ist dem Auspuff entwichen. Und der Persilschein des Aufsichtsrats für Winterkorn ist womöglich ein Fall für die Altpapiertonne.   
 
 
 
Die Sache mit dem Abgasbetrug kam im September 2015 heraus, als VW auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) seine neuen Produkte anpreisen wollte. Die aktuelle Anklage wiederum erwischte den amtierenden CEO Herbert Diess auf der Shanghai Motor Show, wo er lieber über E-Autos reden wollte und den Satz sagte: „Ich denke nicht, dass ich angeklagt werde.“ Tatsächlich geht es in einem zweiten Ermittlungsverfahren der Braunschweiger Staatsanwälte neben Winterkorn auch um ihn sowie um den einstigen Finanzchef und heutigen Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. Sie alle sollen die Kapitalmärkte im Herbst 2015 womöglich zu spät über bevorstehende Milliarden-Strafen wegen Dieselgate informiert haben. Der Skandal erreicht nach den vielen Monaten des Verdrängens, Verschweigens, Vertuschens nun die aktuelle Nomenklatura.
 
 
 
 
 
Zum Mythos Goldman Sachs passen solche Zahlen einfach nicht: Nettogewinn minus 21 Prozent auf 2,3 Milliarden Dollar, Erlöse minus 13 Prozent auf 8,8 Milliarden. Und so betrachtet der neue Bank-Chef David Solomon dieses anämische erste Quartal denn wohl auch als Ansporn für einen Generalumbau, dessen Ergebnisse erst Anfang 2020 enthüllt werden. Devise: Weg von der Abhängigkeit vom Investmentbanking und vom Handelsgeschäft. Mittelfristig sollen sich 100 Banker um kleinere Firmen kümmern, die Online-Tochter Marcus baut das Privatkundengeschäft aus und eine Plattform für Cashmanagement gibt viel Hoffnung. Alles in allem wirkt Goldmans neuer Kurs so, als werde aus einem Feinkostladen ein Edel-Supermarkt.   
 
 
 
70.800 Euro ist die magische Zahl in der Mitte („Median“), von der aus es genauso viele arme wie reiche Haushalte in Deutschland gibt. Dieser Wert weist auf eine höchst ungleiche Verteilung der Nettovermögen: die obersten zehn Prozent verfügen über 555.400 Euro, meldet die Deutsche Bundesbank (2014: 468.000 Euro). Nur elf Prozent besitzen demnach Aktien, 44 Prozent verfügen über selbstgenutztes Wohneigentum. Das Vermögen sei auf „breiter Basis“ gestiegen, so die Notenbank – für manche aber eben doch wesentlich stärker als für andere. Die untere Hälfte der Bevölkerung hat im Übrigen nur drei Prozent vom deutschen Gesamtvermögen.
 
 
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Und dann ist da noch der neue Beiersdorf-Chef Stefan De Loecker, der auf der morgigen Hauptversammlung eine bizarre Bilanz erklären muss. Mehr als die Hälfte des Bilanzvermögens besteht aus „finanziellen Vermögenswerten“, meist fremde Wertpapiere. Damit ähnelt der Hamburger Nivea-Tesa-Konzern einer Bank mit angeschlossener Konsumgüterproduktion, die sich zudem ziemlich verzockt hat. Trotz einer stattlichen Liquidität von 4,4 Milliarden Euro bereiteten nämlich die üppigen Finanzgeschäfte am Ende einen Verlust von 49 Millionen – Kursverluste an den Börsen schlugen durch. Neu-CEO de Loecker will nun mit Investitionen den Umsatz befeuern und aus einer verkappten Bank wieder einen Industriebetrieb machen.

Ich wünsche Ihnen einen produktiven Tag ohne Kursabweichungen. Es grüßt Sie herzlich  
 
 
 
 
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor / Handelsblatt-Autor
 
 
 
 
 
 
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