Joe Biden for President / Geht das Bargeld aus?
 
 
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Mittwoch, 02.01.19
 
 
 
 
VON HANS-JÜRGEN JAKOBS
 
Guten Morgen
liebe Leserinnen und Leser,
 
 
 
 
 
 
+  Der Bolsonaro-Faktor  +  Joe Biden for President  +  Geht das Bargeld aus?
 
 
 
 
 
nach Silvesterböllern und Neujahrsspaziergang helfen manchmal alte Meister des Wortes in den nächsten Turnus. Zum Beispiel Eduard von Keyserling, dessen Erzählungen gerade neu erschienen sind. Die Gesellschaft beschrieb er vor mehr als hundert Jahren als „Quadrille von Packträgern“, jeder mit seinen Koffern auf der Schulter, „aber sie tanzen und verbeugen sich und machen Chaine und tun so, als sähen sie gar nicht die schweren Koffer, die einem jeden von ihnen die Schultern zerdrücken“. So in etwa können wir uns heute die Weltgesellschaft der autokratisch veranlagten Regenten vorstellen, die garantiert auch 2019 unsere Schlagzeilen beherrschen werden.
 
 
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Wir sehen Wladimir Putin, der die Russen nun auffordert, ein „starkes Team“ zu sein, denn Russland habe nie Helfer gehabt, und der dabei derzeit auch noch die EU spaltet. Wir sehen Recep Tayyip Erdogan, der mit seiner türkischen Armee in Syrien Jagd auf Kurden macht. Wir sehen Xi Jinping, der China wirtschaftlich weiter öffnen und politisch stärker schließen will. Wir sehen den Militaristen Jair Bolsonaro, der gestern als Brasiliens Präsident vereidigt wurde und in der Antrittsrede ankündigte, die „Gender-Ideologie zu bekämpfen“. Und wir sehen natürlich den Bolsonaro-Fan Donald Trump, der an der Grenze zu Mexiko weiter entgegen dem Rat seiner Experten eine Mauer aus Stahl und Beton bauen will. Kurzum: Wir sehen eine ziemlich beängstigende Quadrille der Packträger.
 
 
 
 
Weil die Demokraten morgen die Macht im US-Repräsentantenhaus übernehmen, zelebriert Donald Trump heute bereits seine liebste Übung: „Let's make a deal“. Mit dieser Losung hat der US-Präsident aktuell Führungsfiguren des Kongresses ins Weiße Haus geladen, um so den „Shutdown“ nach elf Tagen zu beenden, die Haushaltssperre für weite Teile der öffentlichen Verwaltung. Was hier nach Dialog klingt, kann auch nur Drama sein. Unterdessen hat die linksliberale Demokratin Elizabeth Warren für die nächste Präsidentschaftswahl im Herbst 2020 als Kandidatin schon mal die Hand gehoben. Ein klassischer Frühstart. Größte Chancen werden ihrem Parteifreund Joe Biden zugetraut: Der Ex-Vizepräsident soll seine Kampagne derzeit in Ruhe vorbereiten.
 
 
 
 
Zwischen den zwei starken Frauen der CDU spielt sich eine Arbeitsteilung ein. Kanzlerin Angela Merkel gibt demnach in ihrer politischen Schlussrunde die große Internationalistin, mit dem auf zwei Jahre begrenzten Sitz im UN-Sicherheitsrat als Basis. Für die neue Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer ist dagegen die innenpolitische Fron vorgesehen, das liberal-konservative Profil der Union neu zu justieren, im C-Dur-Akkord mit dem künftigen CSU-Chef Markus Söder. Die Europawahl im Mai und die Herbst-Landtagswahlen in Brandenburg, Thüringen und Sachsen sind der Echttest für diese Doppel-Strategie. Sie kann „AKK“ ganz nahe an die Kanzlerschaft bringen, aber auch weit davon entfernen. Friedrich Merz und Wolfgang Schäuble werden sich das nach bewährter Manier der unter Wasser lauernden Krokodile ganz genau anschauen.
 
 
 
Zwei Spitzenposten hat Europa 2019 zu vergeben, und wenn es nach dem Bundeskanzleramt und dem Élysée-Palast ginge, käme eine neue deutsch-französische Tandemlösung heraus: mit Manfred Weber (CSU) als EU-Kommissionspräsident und François Villeroy de Galhau als Chef der Europäischen Zentralbank. Die beiden würden sofort mit dem Problem der Überverschuldung in Europa konfrontiert: Die Verbindlichkeiten von Staaten, Haushalten und Firmen sind mittlerweile doppelt so hoch wie die Wirtschaftsleistung Europas, analysiert unsere Titelstory. Das sei die „Achillesferse“, warnt Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater. Er hätte auch sagen können: Die Finanzkrise 2007/08 war nie weg.
 
 
 
Das neue Jahr beginnt nicht mit einem IS-Anschlag, sondern der Amokfahrt eines psychisch kranken 50-jährigen Deutschen, den offenbar Fremdenfeindlichkeit geleitet hat. Die vielen Ausländer im Land seien ein Problem, das er lösen wolle, soll er in der Vernehmung durch die Polizei gesagt haben. Der Mann raste in der Silvesternacht mehrmals mit seinem Auto in Essen und in Bottrop in Menschenmengen, es gibt etliche Verletzte. Von der „klaren Absicht“, Ausländer zu töten, spricht NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU). Notizen aus einem prosperierenden und doch aufgewühlten Land.
 
 
 
 
Und dann sind da noch Deutschlands Geldtransportfahrer, die von heute an in den Streik treten. Die Gewerkschaft Verdi überrascht mit der Mitteilung, der Bargeldverkehr im Land werde erheblich gestört, viele Banken und Läden bekämen kein Cash, was die Arbeitgeber ihrerseits eher routiniert als überzeugend dementieren. Alle, die ganz Schweden-like mit Handy oder Kreditkarte zahlen, fühlen sich nun bestätigt. Die anderen aber, für die Bargeld auch Freiheit vor dem großen Bruder Big Data bedeutet, starten mit einem flauen Gefühl ins Jahr.
 
 
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Die „Zeit“ übrigens hat vor ein paar Jahren Keyserling (die Hauptfigur aus dem ersten Absatz) deutlich höher als Theodor Fontane eingestuft, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr groß gefeiert wird. Als Journalist fiel Fontane durch einen hohen Relotius-Faktor auf (erdichtete Geschichten), als Schriftsteller hinterließ er auch heute noch lesenswerte Bücher, etwa sein Werk „Wanderungen durch die Mark Brandenburg". Der fünfbändige Reisereport hat einen ersten Satz, den wir gerne registrieren, wenn wir von den Autokraten der Welt hören: „Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.“
 
 
 
Ich wünsche Ihnen, in der Weltunordnung des neuen Typs, ein erfolgreiches Jahr 2019. Es grüßt Sie herzlich
 
 
 
 
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor / Handelsblatt-Autor
 
 
 
 
 
 
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