Huawei-Gründer wettert gegen „Märchen der USA“ / PR-Spektakel mit Mueller-Report
 
 
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Sonntag, 16.06.19
 
 
 
 
VON HANS-JÜRGEN JAKOBS
 
Guten Morgen
liebe Leserinnen und Leser,
 
 
 
 
 
 
+  Deutsche Konzerne auf Sinnsuche  +  Huawei-Gründer wettert gegen „Märchen der USA“  +  PR-Spektakel mit Mueller-Report
 
 
 
 
 
 
   
der Standardsatz von Public Relations für Wirtschaftsmenschen lautet: „Tue Gutes und rede darüber.“ Was aber ist „gut“? Christen, deren Gottessohn vor fast 2000 Jahren ein leeres Grab in Jerusalem hinterließ, befolgen die „Zehn Gebote“. Aber Akteure in den Firmen? Da befällt manchen längst der ketzerische Gedanke, Renditerekorde pro Quartal seien doch eine ärmliche Raison d'Être. Und weil zudem die Home-Office-Work-Life-Balance-Generation der Millennials unentwegt genau diese Sinnfrage stellt, haben Firmen ein neues Nest gefunden, das sie im Power-Point-Esperanto „Purpose“ nennen. Wo einst nur der maximale Gewinn war, findet sich dort jetzt der Unternehmenszweck oder – liturgisch angehaucht – die „Bestimmung“.  
 
 
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Über solche eschatologischen Fragen ist eine ganze „Purpose“-Industrie entstanden. Was Fachberater sagen, warum der Mittelstand hier fein raus ist und wie Konzerne dem höheren Sinn entgegen schlingern, beschreiben wir in unserem großen Wochenendreport. „First move the world“ lautet die Sinn-Formel bei Daimler: Sie fasst Pionierwesen, Mobilität und Globalismus in vier Worte (nicht aber Dieselabgasbetrug). Siemens spricht von „inklusivem Kapitalismus“, alle sollen mitgenommen werden, nicht nur Fondsmanager. Deren oberster Herold wiederum, CEO Larry Fink von Blackrock, sagt im Handelsblatt-Interview, die neue Linie sei auch auf den System-Frust vieler Menschen zurückzuführen: „Der Kapitalismus ist zu weit gegangen.“
 
 
 
 
 
Mister Fink aus Midtown Manhattan bringt im Sinn-Gespräch mit meinen Kollegen Astrid Dörner und Daniel Schäfer das Thema Europa auf. Die meisten Länder dort böten fantastische Lebensqualität, seien aber weniger inspirierend für sehr gut ausgebildete junge Leute, da Europa nicht am Technologie-Boom partizipiert habe. Der werde von den USA, China und Israel dominiert, Ländern mit großen Militärbudgets. Fink trifft damit ziemlich genau ins Schwarze. Weitere kritische Anmerkungen zu Europa kommen vom Historiker Heinrich August Winkler: „In Deutschland hat es sich geradezu eingebürgert, die Parole ,Mehr Europa‘ mit einer Praxis zu verbinden, die das wieder infrage stellt.“   
 
 
 
 
 
Seinen 75. Geburtstag feiert Ren Zhengfei am 25. Oktober, und spätestens an diesem Tag werden all seine Lebensgeschichten wieder zirkulieren. Der frühe Eintritt in die Kommunistische Partei, die Forscherarbeit am Institut der Volksbefreiungsarmee, die Gründung der Telekommunikationsfirma Huawei vor 32 Jahren. Heute besitzt er dort 1,42 Prozent der Aktien, zieht im Board of Directors die Fäden – und gab uns eines seiner raren Interviews. Ren lobt darin Donald Trump für seine Steuersenkungen (China sollte diese Politik seiner Meinung nach kopieren), rüffelt ihn aber andererseits für den „amerikanischen Handelskrieg“, der die Welt radikalisiere. Leider würden die USA die neue 5G-Mobilfunk-Technik als „eine Art Atombombe” betrachten – dabei gleiche Huawei nur einem „Wasserhahn“, aus dem Daten in Netze fließen.   
 
 
 
 
In dem Vier-Seiten-Interview widerspricht Ren allen Sicherheits- und Spionagevorwürfen, wie sie Washington immer wieder aufbringt: „Die USA erzählen Märchen.“ Seine Botschaft: Hier sitzt ein moderner James Watt, kein James Bond. Der Huawei-Gründer bietet konkret an, ein „No-Spy-Agreement“ mit der Bundesregierung zu unterzeichnen. Er würde auch die Führung in Peking zu einer solchen Vereinbarung drängen, sagt er im Nachbau eines Pariser Grand Hotels auf dem hektarreichen Campus der Konzernzentrale in Shenzhen – „in dem sich Peking zusätzlich dazu verpflichten könnte, sich an die EU-Datenschutz-Grundverordnung halten zu wollen.“ Das klingt, als habe er Einfluss. Über den Verdacht, seine Firma sei mit Staat und Partei eng getaktet, erklärt Ren jedoch: „Ich weiß nicht, was die chinesische Regierung denkt. Sie sagt mir nichts. Huawei ist ein Privatunternehmen.“
 
 
 
Liest man Mister Huawei, wird sein „Purpose“ sehr deutlich: die ganze Welt zu verbinden. Die Gründerfigur zeigt dabei eine Mischung aus Konsequenz, Zukunftsgeist und Witz. Seine Antwort auf die Frage, wie lange er noch aktiv bleiben wolle: „Das hängt davon ab, wie schnell Google mit einem Medikament auf den Markt kommen kann, das den Menschen hilft, für immer zu leben.“ Einen Wechsel in die Politik („Ich bin Geschäftsmann und werde immer Geschäftsmann bleiben“) schließt er genauso aus wie einen Börsengang: „Vielleicht in 3000 Jahren. Wenn Sie also geduldig genug sind, können Sie unsere Aktien dann kaufen.“ Bei so viel Langmut denken wir an Laotse: „Belehren ohne Worte, vollbringen, ohne zu handeln, so gehen Meister vor.“
 
 
 
Der „Purpose“ von Journalisten ist, kurz gesagt, hinter Tatsachen die Wahrheit zu suchen, Klärung im Dienst der Aufklärung sozusagen. Ein Handelsblatt-Team ist jetzt mit dem renommierten Wächterpreis der Tagespresse gewürdigt worden – für eine Artikelserie über die Abgas-Schummeleien bei VW. Gewürdigt werden René Bender, Markus Fasse, Mona Fromm, Alina Liertz, Sönke Iwersen (Leiter des Investigativ-Teams), Jan Keuchel, Stefan Menzel, Martin Murphy und Volker Votsmeier für die Beschaffung und verständliche Auswertung von 12.000 Seiten interner Dokumente. Wo die Transparenz aus Firmenräson endet, beginnt Journalismus.
 
 
 
 
 
Eine tiefe Spur des Geldes zog der brasilianische Baukonzern Odebrecht durch Lateinamerika. Man schmierte mächtige Politiker mit wachsender Kasse und Schamlosigkeit, um so an Staatsaufträge zu kommen. Insgesamt geht es um 800 Millionen US-Dollar, wovon 29 Millionen an Entscheider in Peru flossen. Ex-Präsident Pedro Pablo Kuczynski kam dort vorige Woche in Untersuchungshaft und liegt nun mit Herzbeschwerden im Hospital, ein anderer floh in die USA. Und Alan Garcia, 69, Staatschef von 1985 bis 1990 sowie von 2006 bis 2011, hat sich vor der geplanten Festnahme eine Kugel in den Kopf geschossen. Der Verstorbene soll von Odebrecht 100.000 Dollar Korruptionsgeld kassiert haben, was er aber stets entschieden bestritten hat.   
 
 
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Und dann ist da noch US-Justizminister William P. Barr, der heute auf einer Pressekonferenz den Report des Sonderermittlers Robert Mueller III zu Russland-Beziehungen des Lagers um Präsident Donald Trump erläutern will. Eine Lesehilfe, die Fragen aufwirft. Der lang erwartete 400-Seiten-Report ist an vielen Stellen geschwärzt, aus Gründen des Schutzes von Geheimdienstquellen und Persönlichkeitsrechten zum Beispiel, aber vielleicht auch zur Verteidigung Trumps. So wird im Moment der Veröffentlichung die Recherche nach dem wahren, unzensierten Report beginnen – und der Streit vor Gericht, den die Demokraten schon avisiert haben. Mitglieder des Mueller-Teams beschweren sich intern über die eingeschränkte Informationsweitergabe. Ihr „Purpose“ ist nun mal nicht der des Präsidenten.

Ich wünsche Ihnen ein fröhliches Osterfest mit viel Selbstbestätigung, denn wer Ostereier versteckt, findet sie auch. Es grüßt Sie herzlich  
 
 
 
 
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor / Handelsblatt-Autor
 
 
 
 
 
 
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Autor des Morning Briefing-Editorials: Hans-Jürgen Jakobs
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