Dienstag, 21.11.2017
 
Guten Morgen Herr Hoffman,
 
die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, hat die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann einst gesagt. Doch Wien ist nicht Berlin. In der deutschen Hauptstadt gilt wenige Wochen nach dem Wahltag die Wahrheit nicht als zumutbar, sondern als Zumutung. Anders ist der mediale Furor nicht zu erklären, der Christian Lindner heimsucht, seit er die Sondierungsgespräche für eine Jamaika-Koalition beendete.

 
 
„Es hat sich gezeigt“, sagte der FDP-Chef in der Nacht von Sonntag auf Montag, „dass die vier Gesprächspartner keine gemeinsame Vorstellung von der Modernisierung unseres Landes entwickeln konnten“. Damit sprach Lindner eine Wahrheit aus, die jeder seit Tagen sehen und spüren konnte. Deutschland erlebte mit Lindners Erklärung das, was der Philosoph Peter Sloterdijk in „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ so beschrieben hatte: „Die Übersteigerung des Unbehagens durch seine Erklärung.“ Dabei hatte der 38-Jährige die beteiligten Unterhändler nicht kritisiert, nur ertappt.

 
Den am Sondierungstisch Versammelten fehlte so ziemlich alles, was man zum Bilden einer Koalitionsregierung braucht: Vertrauen, Wirklichkeitsbezug und der Wille zur gemeinsamen Tat. Womit wir bei der Kanzlerin wären. Ihr huldvolles Winken aus Balkonien, erkennbar dem weltlichen und religiösen Adel abgeschaut, wirkte wie das Symbol einer vordemokratischen Entrückung. In diesen Bildern ist das Bewahrungsinteresse geronnen, das jeden äußeren Impuls als Störung und nicht mehr als Bereicherung empfindet.

 
 
Die Problematik beginnt schon damit, dass Merkel Mühe hat, das Wahlergebnis zu lesen, wie sie unumwunden zugibt: „Ich kann nicht erkennen, was wir jetzt anders machen müssten“, sagte sie wenige Tage, nachdem sie die Union geschrumpft und die AfD groß gemacht hatte. Im Grunde schon seit der großen Flüchtlingswelle besteht zwischen Merkel und der Wirklichkeit nur noch ein Wackelkontakt. Seither will sie zwar die weltweiten Fluchtursachen bekämpfen, aber die Fluchtgründe ihrer eigenen Wähler mag sie nicht zur Kenntnis nehmen. Darin wiederum liegt der Kern vom Kern des Konflikts zwischen den Schwesterparteien CDU und CSU, was auch die Gespräche mit den anderen schwer belastet hat. Ohne gemeinsame Ortsbestimmung ist jeder eingeschlagene Weg falsch.

 
 
Über die wirklichen Zukunftsthemen des Landes, von der Bildungspolitik über die Ausländerintegration bis zur Gestaltung der Digitalisierung, konnte unter diesen Umständen nur floskelhaft, aber nicht ernsthaft gesprochen werden. Ein parteiübergreifender Wille zum Aufbruch existierte nicht. Der Regierungsflieger mit den vier Jamaika-Parteien hätte dennoch abheben können. Das ist richtig. Aber genauso richtig ist: Er wäre nicht weit gekommen. Der Tank war nahezu leer. Alle haben das gesehen. Lindner hat es gesagt. Darin liegt das Verbrechen, das ihm heute Morgen von „Bild“ („Jamaika-Töter”) zur Last gelegt wird.

Ein Hauch von Tragik liegt in der Luft. Deutschland, das derzeit seine wirtschaftliche Blüte erlebt, wirkt politisch traumatisiert. Die SPD will nicht mal mehr sprechen. Die AfD spricht zwar, aber mit feuchter Aussprache. Die CSU wird von einem Machtkampf geschüttelt, derweil die CDU der Angela Merkel an akuter Antriebsschwäche leidet. Die Aggregate, die Merkels kometenhaften Aufstieg von der Nachwuchshoffnung aus Mecklenburg-Vorpommern zur wichtigsten Frau Europas einst befeuert hatten, scheinen erloschen. Die Kanzlerin lebt konzeptionell von der Hand in den Mund. In diesem Zustand ist eine Koalition mit ihr für niemanden attraktiv. Merkel muss erst sich erneuern, bevor sie das Land erneuern kann. Die Kernfrage an die amtierende Regierungschefin lautet nicht „Mit wem?“. Sie lautet auch nicht „Wie lange?“. Sie lautet „Warum?“.

Es grüßt Sie herzlichst Ihr


Gabor Steingart
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Name: IFVE Institut für Vermögensentwicklung GmbH, Prof. Dr. Max Otte
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Kontakt: info@privatinvestor.de
Website: http://www.privatinvestor.de
 
 
 
 
 
 
 
 
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#NOMAIKA
 
Gemeinsame Entrüstung
 
Von Nora Sonnabend, Social-Media-Redakteurin beim Handelsblatt

Da waren eifrige Twitter-Nutzer am Sonntag extra lange wach geblieben, starteten mit einem Schlafdefizit in den Montag, um sich an den Diskussionen zum Jamaika-Aus zu beteiligen und dann das: Auch Stunden später gab es noch genug Vorlagen, um beim Trend-Thema mitzureden. #JamaikaAbbruch, #nojamaika und die Wortneuschöpfung #nomaika waren die wichtigsten Hashtags.

Und das Unverständnis der Nutzer war groß. Auch das Sharepic, das die FDP selbst kurz nach Mitternacht getwittert hatte, trug seinen Teil dazu bei: „Lieber nicht regieren als falsch“, hieß es darauf. Wieder einmal zeigte sich, dass das Bewegen in der Netzbubble wie ein reinigendes Gewitter sein kann und Ironie und Sarkasmus die beherrschende Tonalität in der Filterblase sind. Ob Witze über Lindner, der wie ein Kind sei, das wegläuft, wenn es seinen Willen nicht bekommt, oder Unverständnis über das Verhalten der SPD, die keinerlei Ambitionen zum Regieren habe – die Nutzer machten ihrer Unzufriedenheit Luft. Gemeinsam macht Aufregen eben mehr Spaß als alleine.
 
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Autor des Morning Briefing-Editorials: Gabor Steingart
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Geschäftsführung: Gabor Steingart (Vorsitzender), Frank Dopheide, Ingo Rieper, Gerrit Schumann
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